Stückinfo

Dramma giocoso in un atto (1825)
Musik Gioacchino Rossini
Libretto Giuseppe Luigi Balocchi

Staatsoper Hannover

Premiere 10. April 2010
1. Wiederaufnahme 19. Oktober 2011
2. Wiederaufnahme 29. November 2012

»Sehr geehrte Fahrgäste! Aufgrund unvorhergesehener Störungen im Betriebsablauf verschiebt sich die Weiterfahrt aller Züge auf unabsehbare Zeit. Wir bitten um Ihr Verständnis! « – Schon mal irgendwo gehört, oder? Ganz ähnlich ergeht es den Protagonisten in Gioacchino Rossinis Il viaggio a Reims: Nach Reims soll die Reise gehen – doch kommt keiner der Reisenden je dort an! Ein Stück surrealistisches Theater ist das, was Rossini da im Jahre 1825 im Théâtre-Italien in Paris zur Uraufführung brachte, des Komponisten letzte italienische Oper, geschrieben aus Anlass der Krönungsfeierlichkeiten für König Charles X. von Frankreich. Mit den breit angelegten, höchste stimmliche Anforderungen stellenden Arien, in denen die Protagonisten ihre (angesichts eigentlich unbedeutender Lappalien reichlich übertriebenen) Emotionen mit großem Pathos ausstellen, schrieb der für seinen Humor weithin bekannte Rossini eine Buffa- Oper, die sich auf den zweiten Blick auch als Parodie auf Starallüren und Diventum begreifen lässt.

Medien

(Produktionsfotos: Jörg Landsberg)

Leitungsteam

Regie
Matthias Davids
Musikalische Leitung
Gregor Bühl
Bühne
Marina Hellmann
Kostüme
Leo Kulaš
Dramaturgie
Ulrich Lenz

Darsteller

Corinna
Karen Frankenstein
Corinna
Dorothea Maria Marx
Marquesa Melibea
Julia Faylenbogen
Marquesa Melibea
Monika Walerowicz
Contessa di Folleville
Nicole Chevalier
Contessa di Folleville
Hinako Yoshikawa
Madame Cortese
Carmen Fuggiss
Madame Cortese
Anja Vegry
Cavalier Belfiore
Ivan Turšic
Conte di Libenskof
Sung-Keun Park
Lord Sidney
Tobias Schabel
Don Profondo
Frank Schneiders
Baron von Trombonok
Shavleg Armasi
Don Alvaro
Jin-Ho Yoo
Don Prudenzio
Young Myoung Kwon

Presse

Flieg, Pfeil des Amor, flieg!

Davids hat in die schillernde Partitur mit scharfem Blick hineingeschaut. Und er hat dort diese ganzen emotionalen Girlanden, Verzwirbelungen und Verulkungen entdeckt, die nun auf der Szene zu sehen sind. (...) Zum Niederknien amüsant gelingt die Charakterisierung des seit Adam und Eva unmöglichsten Paares auf Erden: hier die höflich-distanzierte polnische Marquesa Melibea, dort der völlig durchgeknallte russische Graf Libenskof. Wie sich diese beiden in der ausladenden Duettszene aus anfänglicher gegenseitiger Ablehnung mit jedem Takt zusehends in Wallung bringen, und wie sie mehr und mehr von Amors irrlichterndem Pfeil durchbohrt werden, das zeigt uns wieder, wie einfach das Leben, die Liebe und besonders die komische Oper sein können, wenn man sie nicht hypertrophiert oder zersetzt, sondern einfach ihrem Esprit vertraut. Und wenn man, was in Hannover der glückliche Fall ist, ein Ensemble vereint, das unglaublich großen Spaß am eigenen Tun hat. Chapeau!

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Frankfurter Rundschau, 13. 4. 2010

Flieg, Pfeil des Amor, flieg!

VON JÜRGEN OTTEN 

Von Wladimir und Estragon, den beiden berühmten Beckett-Figuren, kennen wir das: Wie es ist, wenn man vergeblich wartet, wartet, wartet. Das ganze Leben kann plötzlich aus nicht mehr als aus diesem Warten bestehen, mit ihm angefüllt sein wie ein Luftballon mit heißer Luft, der zu platzen droht. Man kann daraus dann ein Denksystem entwickeln, das dem Warten gleichsam philosophische Qualität zuschreibt. Man kann die Angelegenheit aber auch umdrehen und sagen: Der Zustand des Wartens impliziert die Möglichkeit, das Leben von seiner heitersten Seite her zu begreifen, sprich: es in vollen Zügen zu genießen.

In Rossinis einaktigem Dramma giocoso „Il Viaggio a Reims“ geschieht das. Eine illustre Gesellschaft aus lauter Bonvivants, unterwegs auf dem Weg zu den (historisch überlieferten) Feiern aus Anlass der Krönung Karls X., macht Station im Hotel „Zur Goldenen Lilie“. Während man auf Pferde wartet, versüßt man sich die Zeit mit allerlei Kabalen und sonstigen Liebesverwicklungen.

Wohlan, dachte sich Regisseur Matthias Davids, der das Opus in Hannover in Szene setzte: die Ära der Postkutschen ist vorbei. Heute fliegt alles, was zwei Beine hat. Also fliegen auch wir.

Das Hotel mutiert zum „Aéroport Charles X“ (Bühne: Marina Hellmann). Noch bevor der erste Ton im Graben erklingt, erscheint die Servicekünstlerin Maddalena (Mareike Morr) und macht das Publikum mit den Sicherheitsvorkehrungen vertraut. Das Theater verfüge über zwölf Notausgänge, erklärt sie mit Blendamed-Lächeln, und wenn der Druck auf der Bühne nachlasse, würden keine Sauerstoffmasken herunterfallen; man möge in diesem wahrscheinlichen Fall doch bittschön dem Nachbarn seinen Mund fest auf dessen Lippen drücken. Große Heiterkeit in den Reihen.

Und so geht es weiter. Ein Gag jagt den nächsten, immer verdächtig nahe am dröhnenden Slapstick entlang. Und vermutlich würde dieses dramaturgische Konzept auch gar nicht aufgehen, wenn – und das klingt beinahe paradox -, ja, wenn diese phantastische Musik von Rossini nicht wäre, die unter der Leitung von Gregor Brühl mit exquisitem Espressivo, und wo nötig, auch in vital-virtuoser Herrlichkeit vom Orchester interpretiert wird (an der Abstimmung in den Ensembles dürfte noch gefeilt werden).

Augenzwinkernder Witz

Davids aber hat in die schillernde Partitur von 1824, die passagenweise die Höhe von „Il Barbiere di Siviglia“ locker erreicht, mit scharfem Blick hineingeschaut. Und er hat dort diese ganzen emotionalen Girlanden, Verzwirbelungen und Verulkungen entdeckt, die nun auf der Szene zu sehen sind. „Il Viaggio“, das wird an diesem vor augenzwinkerndem Witz und Ideen nur so sprühenden Abend deutlich, ist eben nicht mehr als das, was sie zu sein vorgibt: eine komische Oper. Alles ist, wie es scheint. Alles ist Karikatur.

Demgemäß ist auch Corinna (Karen Frankenstein) eine echte, von sich selbst berauschte Operndiva, die allein durch ihr Erscheinen staunende Bewunderung auslöst. Und die, kaum hat sie ihre erste Arie „Arpa gentil“ mit einem allerdings betörenden Lyrismus und einigen neckischen Verzierungen unter die Anwesenden gestreut, von diesen sämtlich bekniet wird, wie auch die Zuschauer des – natürlich – im Fernsehen gezeigten events glückselig dahinschmelzen.

Besonders selig ist der deutsche Baron Trombonok (Shavleg Armasi), ein Musik- (und Bratwurst-)Experte vor dem Herrn und hier als Rudolf Moshammer-Adaption von geradezu rührender Ridikülität.

Aber sind sie nicht alle Narren, wie sie da sind? Liebenswerte Wesen, die ihre Fehler gar nicht verbergen wollen und uns gerade deswegen so spiegelnah sind? Davids zeichnet sie so, mit spitzer Feder: etwa die grandios überkandidelte Contessa de Folleville (Nicole Chevalier mit einer fein ausziselierten Arie „Partir, oh ciel! Desio“); oder den eitlen, dabei aber selbstironischen Cavaliere Belfiore (Ivan Tursic) und den backfischig-verklemmten, noch in intimsten Gefühlsmomenten britisch distinguierten Lord Sidney.

Zum Niederknien amüsant aber gelingt die Charakterisierung des seit Adam und Eva unmöglichsten Paares auf Erden: hier die höflich-distanzierte polnische Marquesa Melibea (Monika Walerowicz mit funkelndem Sopran), dort der völlig durchgeknallte russische Graf Libenskof (Sung-Keun Park als ein markiger Tenor mit üppiger Spiellaune).

Wie sich diese beiden in der ausladenden Duettszene aus anfänglicher gegenseitiger Ablehnung mit jedem Takt zusehends in Wallung bringen, und wie sie mehr und mehr von Amors irrlichterndem Pfeil durchbohrt werden, das zeigt uns wieder, wie einfach das Leben, die Liebe und besonders die komische Oper sein können, wenn man sie nicht hypertrophiert oder zersetzt, sondern einfach ihrem Esprit vertraut. Und wenn man, was in Hannover der glückliche Fall ist, ein Ensemble vereint, das unglaublich großen Spaß am eigenen Tun hat. Chapeau!

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Frankfurter Rundschau

Witzige Inszenierung und spritziges Dirigat

Matthias Davids (Regie), Marina Hellmann (Bühne) und Leo Kulaš (Kostüme) haben Rossinis auf einen zeitgenössischen Anlass hin komponierte Oper überaus kreativ in unsere Zeit transferiert und Warteszenen auf dem Aéroport Charles X konstruiert. Mit nie nachlassender Einfallskraft arrangierte das Regieteam sämtliche Szenen nicht nur amüsant, sondern fand einen perfekten Spagat zwischen der Darstellung echter Gefühle und albernen, aber immer sehr charmanten Vorgängen. Da waren übertriebenes Pathos und Komödiendetails fein abgestimmt. (...) Köstlich auch, wie Matthias Davids die Koloraturen inszenierte.

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Weser Kurier, 22. 4. 2010

Rossinis absurde Oper „Die Reise nach Reims“ in Hannover

VON MARKUS WILKS 

Wenn eine Reise ausfällt, kann das ärgerlich sein. Oder so amüsant wie in Gioacchino Rossinis Oper „Il viaggio a Reims“. Dieses absurde Stück über eine misslungene Tour zur Krönung des französischen Königs kam in der Staatsoper Hannover zu einer umjubelten Premiere. Dank der witzigen Inszenierung und des spritzigen Dirigats (Gregor Bühl) eine hinreißende Rossini-Gaudi. 

Matthias Davids (Regie), Marina Hellmann (Bühne) und Leo Kulaš (Kostüme) haben Rossinis auf einen zeitgenössischen Anlass hin komponierte Oper überaus kreativ in unsere Zeit transferiert und Warteszenen auf dem Aéroport Charles X konstruiert. Mit nie nachlassender Einfallskraft arrangierte das Regieteam sämtliche Szenen nicht nur amüsant, sondern fand einen perfekten Spagat zwischen der Darstellung echter Gefühle und albernen, aber immer sehr charmanten Vorgängen. Da waren übertriebenes Pathos und Komödiendetails fein abgestimmt. 

Wie beispielsweise Marchese Melibea und Graf Libenskof von ihren Hormonen zu Liebestaten beflügelt werden, war zugleich erotisch und witzig, ohne dass dabei nackte Haut vonnöten gewesen wäre. Man inszeniert Rossinis absurde Oper als große Show, in der eben nicht alles logisch und korrekt sein muss.

Gerade auch Bremer Opernliebhabern, die vor kurzem am Goetheplatz Rossinis „Barbier von Sevilla“ gesehen haben, sei ein Ausflug in die Staatsoper Hannover empfohlen, um einen „anderen“, manchmal gar atemberaubend spritzigen Rossini zu erleben. Selbst wenn in Hannover nicht alle Rollen mit Rossini-Spezialisten besetzt werden können, hat hier jede einzelne Figur Format, überzeugte in der Premiere jeder Sänger mit seinem szenisch-musikalischen Beitrag.

Exemplarisch für die Einschätzung, dass „Il viaggio“ auch ohne Weltstars funktioniert, soll Frank Schneiders erwähnt werden: Er lieferte als Professor Don Profondo eine große Show ab, ohne das so typische Rossini-Parlando zu beherrschen. Oder Ivan Turšic als Möchtegern-Frauenschwarm Belfiore, der sich an der Grenze zwischen meisterhafter Stimmberrschung und Tenorkarikatur bewegte, insgesamt eine blendende Komödienfigur abgab.

Den stärksten Zwischenapplaus bekam Nicole Chevalier, die als durchgeknallte Modeliebhaberin Folleville mit irrwitzigen Koloraturen und Ausflügen in die vokale Stratosphäre glänzte. Köstlich auch, wie Matthias Davids ihre und andere Koloraturen inszenierte.

Wie man Rossini dirigieren sollte, bewies der frühere hannoversche Kapellmeister Gregor Bühl bei einem Gastspiel. Lange hat man das Staatsorchester nicht so aufmerksam gehört.

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Weser Kurier

Ein Flughafen voller Narren

Herrlich überdreht - Zehneinhalb Minuten Premierenapplaus. Die Staatsoper hat Rossinis selten aufgeführte „Reise nach Reims“ mit einem Humor aufgetankt, der so wirkungssicher abbrennt wie eine Ladung Kerosin – angezündet von Regisseur Matthias Davids (...) Riesenjubel für das komplette Regieteam. So macht Rossini richtig Spaß.

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Ein Flughafen voller Narren

Viel Premierenbeifall in der Staatsoper für Rossinis rare „Reise nach Reims“

Herrlich überdreht: Die Staatsoper hat Rossinis rare Oper „Die Reise nach Reims“ erfolgreich wiederbelebt. Zehneinhalb Minuten Premierenapplaus.

VON HENNING QUEREN

Die Ouvertüre könnte nicht verrückter sein: „Diese Oper hat zwölf Notausgänge. Die sind gekennzeichnet durch braune Türen.“ Eine Stewardess macht vor dem Vorhang das übliche Security-Ballett, das vor jedem Flug steigt. Man möchte doch bitte Programmhefte und Handys unter den Sitzen verstauen. Willkommen an der Bord der Rossini-Airlines zu einem überaus vergnüglichen Zweieinhalbstundentrip.

Die Staatsoper hat Rossinis selten aufgeführte „Reise nach Reims“ mit einem Humor aufgetankt, der so wirkungssicher abbrennt wie eine Ladung Kerosin – angezündet von Regisseur Matthias Davids, der hier auch schon das „Weiße Rössl“ auf Trab gebracht hatte.

Filet-Stücke

Rossini hat seine letzte italienische Oper eigentlich nie so richtig gemocht, erst 1984 wurde sie wieder rekonstruiert. Geschrieben für die Krönungsfeierlichkeiten von Karl X., hat er sie später filetiert und für andere Stücke genutzt. Kein Wunder, denn in dieser Oper passiert eigentlich nicht allzu viel: Einige illustre Reisende treffen in einem Gasthof zusammen und wollen nach Reims zur besagten Krönung. Und? Und nichts. Mehr passiert hier nicht, man kommt nicht weg, weil es keine Pferde mehr gibt.

Oder weil alle Flüge gecancelt sind: Das ist der Kunstgriff in Hannover. Die Oper wird komplett auf den durchaus gegenwärtigen Flughafen „Charles X“ verlegt. Und es geht erstaunlicherweise komplett auf bis in feinste Details.

Rossini hat einen Käfig voller Narren, von dem auch gesungen wird, auf der Bühne versammelt. Baron di Trombonok (Shavleg Armasi) kommt als typischer Deutscher daher, an diesem Abend als Mooshammer. Don Prudenzio (Young Myoung Kwon) ist ein durchgeknallter Arzt, Graf Libenskof (Sung-Keun Park) ein bäriger Russe (in Generalsuniform). Jede Nationalität wird, wie der britische Lord (Tobias Schnabel), von Komponist und Regie mächtig durch den Kakao gezogen.

Vorsichtig und verantwortungsbewusst wurde der Text an manchen Stellen und zum größeren Gaudium der Zuschauer in die Gegenwart geholt. Und was in Hannovers Ensemble an schauspielerischer Komik steckt, machte auch dieser Abend deutlich. Wenn da beispielsweise zu den aberwitzigen Rossini-Koloraturen abgehottet wird. So macht „Let’s Dance“ Spaß.

Dirigent Gregor Bühl hielt die Oper mit Übersicht und Vorsicht in der Luft, vermied durch eher verhaltene Tempi mögliche Turbulenzen – und war den Sängern (koloraturensicher auch Ania Vegry als Madama Cortese, Monika Walerowicz als Marchesa Malibea und Frank Schneiders als Don Profondo) ein zuverlässiger Flugbegleiter. Riesenjubel für das komplette Regieteam. Und das Ende per Übertextanlage, dass man doch bitte nichts im Flieger vergessen möge. So macht Rossini richtig Spaß.

Bewertung: *****

 

 

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Neue Presse

Lustreise

Eindrucksvoll, wie das Ensemble der Staatsoper Hannover hier mit Teamwork und Powerplay überzeugte. (...) Es gibt eine Fülle an Gags, keine Schenkelklopfer, sondern Schmunzelanreger. Aber wie diese Inszenierung mit den Übertiteln spielt, das allein ist schon ein paar Lachtränchen wert. Das alles funktioniert deshalb so gut, weil die Spannung zwischen den Nichtigkeiten des Lebens und der Ernsthaftigkeit der musikalischen Gefühle gewahrt bleibt.

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Neue Presse, 12. April 2010

Lustreise
Gioacchino Rossinis „Die Reise nach Reims“ kommt in der hannoverschen Staatsoper sehr gut an

VON RAINER WAGNER 

Wenn der Weg das Ziel ist, wie manche Philosophen glauben, was ist dann der Start? Die ­Verheißung? Und der Fehlstart? Eine Chance! 

Um eine Reise, die schon deshalb nicht ans Ziel führt, weil sie nie richtig beginnt, geht es in Gioacchino Rossinis Oper „Il Viaggio a Reims“. Doch bei der Premiere im hannoverschen Opernhaus kam diese „Reise nach Reims“ sehr gut an: Es gab einstimmigen und lauten Beifall, der wohl noch länger gedauert hätte, wenn man in der Staatsoper den Verbeugungsfahrplan besser in den Griff bekäme: Wer da nach vorne stürmt, muss schon mal mit einem voreiligen Vorhang von oben rechnen! 

Selbstverständlich ist so ein Erfolg nicht, denn Rossinis „Dramma giocoso“ ist ein kurioses Stück: ein Opernsoufflé – luftig, aber nicht leicht. Ein Nichts an Handlung, aber schwer zu stemmen. Was daran liegt, dass Rossini Maßarbeit für ein Spitzenensemble schuf. Der damalige künstlerische Leiter des Théâtre Italien in Paris hatte 1824 nämlich Stars im Überfluss und musste sie beschäftigen. Was heutigen Opernintendanten den Angstschweiß auf die Stirn treiben könnte. Umso eindrucksvoller, wie das Ensemble der Staatsoper Hannover hier mit Teamwork und Powerplay überzeugte. 

„Il Viaggio a Reims“ wurde 1825 anlässlich der Krönung Charles? X. in Reims komponiert und war schnell inaktuell. Die Oper wurde nur viermal gespielt, später als Steinbruch für Rossinis Oper „Le Comte Ory“ verwendet, vergessen und erst vor knapp drei Jahrzehnten wiederentdeckt. 

Es geht um eine Gruppe besserer Herrschaften, die nach Reims zur Königskrönung fahren wollen, aber leider nie vom Platz kommen. In Hannover haben Regisseur Matthias Davids und seine Bühnenbildnerin Marina Hellmann das alles auf einen realistisch wirkenden Flug­hafen verlegt, auf dem Maddalena (nicht nur auf den High Heels sicher: Mareike Morr) und Madama Cortese (selbstbewusst: Ania Vegry) den Ton angeben. Auch am Airport geht nichts mehr – weder vorwärts noch aufwärts. Dafür geht allerlei untereinander. Da gibt es den schüchternen Lord Sidney (angemessen linkisch: Tobias Schabel), der die Primadonna (souverän: Karen Frankenstein) aus der Ferne anschmachtet – und am Ende doch ihr Kronprinz wird. Der Spanier Don Alvaro (Jin-Ho Yoo) und der Russe di Libenskof (Sung-Keun Park) wetteifern um die Marchesa Melibea (selbstbewusst: Monika Walerowicz). Da bekommt beim Entblättern des Liebsten das Wort Sockenschuss eine ganz neue Deutung: Der Mann ist gut bestrumpft. 

Leo Kulas darf mit seinen Kostümentwürfen mit Erwartungshaltungen spielen. Nun sieht der italienische Sammler Don Profondo (mit Vollgas: Frank Schneiders) aus, wie man sich einen deutschen Professorenzausel vorstellt. Während der Baron di Trombonok (jovial: Shavleg Armasi) durch Farbsignale im Moshammer-Look signalisiert, dass er der Deutsche ist. 

Regisseur Matthias Davids gilt mit ­einigem Recht als Musical-Spezialist (er hat in Hannover „Guys and Dolls“ und „Im weißen Rössl“ inszeniert) – und diese Erfahrung bekommt Rossinis Musikkomödie sehr gut. 

Es gibt ein Fülle kleinerer Gags, keine Schenkelklopfer, sondern Schmunzelanreger. Aber wie diese Inszenierung mit den Übertiteln spielt, das allein ist schon ein paar Lachtränchen wert. Das alles funktioniert deshalb so gut, weil die Spannung zwischen den Nichtigkeiten des Lebens und der Ernsthafigkeit der musikalischen Gefühle gewahrt bleibt. Wenn sich die Contessa di Folleville (umwerfend: Nicole Chevalier) über die Unbilden des Schicksals echauffiert, dann muss die Musik ihr Leiden glaubhaft machen, auch wenn es beim vermeintlichen Verlust nur um einen verlorenen Hut geht. 

Gregor Bühl am Pult des erfreulich geistesgegenwärtigen und klangvollen Niedersächsischen Staatsorchesters hält nicht nur die Maschinerie von Rossinis Musikwalze perfekt in Gang, er sorgt auch für Zwischentöne, für musikalischen Klimawechsel. Eine souveräne Leistung. 

In einer Oper, die schon einmal 14 Solisten zum Zwischenfinale versammelt, muss sich ein Komponist etwas einfallen lassen, wenn er sich zum Finale steigern will. Hier ist es ein musikalisches Selbstporträt der Nationen. Und da erlauben sich Regisseur Davids und sein Dramaturg Ulrich Lenz auch ein paar Freiheiten mit dem Text. Dann singt der Deutsche die Nationalhymne (die es zu Rossinis Lebzeiten so nicht gab), phantasiert der Russe (zu kyrillischen Übertiteln) vor sich hin, und die originale „Tirolese“ klingt wie die Abschlussprüfung fürs Jodeldiplom. 

Am Ende aber steht eine gemeinsame Hymne auf den wahren König des Abends: „Viva Rossini“. 

Zu Recht, denn an diesem Abend wird der Wunsch zur Wirklichkeit: gute Unterhaltung! 

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Hannoversche Allgemeine Zeitung

Absurd, bunt und urkomisch

Absurd, bunt und urkomisch sind die Ideen von Matthias Davids für sein 14köpfiges Sängerensemble, Rossinis klischeehafte Charaktere werden bis ins Äußerste überzeichnet. [...] Wie schon in seinen früheren Inszenierungen in Hannover legte Regisseur Matthias Davids wieder sehr viel Wert auf Details: sei es das realistisch nachgebildete Flughafen-Bühnenbild oder die fantasievollen Kostüme – selbst die Übertitel sind mehr als nur Übersetzung. [...] Das gesamte Ensemble war musikalisch und schauspielerisch mit viel Enthusiasmus, Engagement und sichtlichem Vergnügen dabei; stellenweise lieferten sich die Sänger ein Koloraturenduell auf höchstem Niveau. »Siegerin« des Abends: Nicole Chevalier als modebewusste Gräfin. [...] Selten gab es bei einer Opernpremiere so viel Gelächter und Zwischenapplaus; dementsprechend begeistert zeigte sich das Publikum am Ende.

NDR Kultur

Im Wartestand

In ein sehr heutiges Ambiente versetzt der Regisseur der Hannoveraner Produktion Rossinis letzte genuin italienische Oper «Il viaggio a Reims». Es kommt eine musikalisch runde Aufführung zustande, bei der vor allem Nicole Chevalier brilliert als Contessa di Folleville, die mit einer Einladung an die mit ihr Wartenden die Situation rettet. Regisseur Davids und seine Ausstatter (Marina Hellmann, Bühne, Leo Kulaš, Kostüme) ziehen alle Register. Das Publikum amüsiert sich prächtig. Am Pult achtet Gregor Bühl auf Rossinische Leichtigkeit, hält Bühne und Graben gut zusammen. Viel Jubel im Parkett und auf den Rängen, auch schon und immer wieder auf offener Szene.

Deutschlandfunk

Geheimtipp

Marina Hellmanns Bühne sah nicht nur klasse aus, sondern bot dem Spielleiter viele Möglichkeiten, die auch alle ge- und benutzt wurden. Davids ist vor allem durch seine gekonnten Musical und Operetteninszenierungen bekannt, erweist sich aber auch als wundervoller Opernregisseur, der weiß seine Personen sinnvoll und spannend zu bewegen, dem Publikum doch auch an den richtigen Stellen Zeit läßt, sich auf die Musik zu konzentrieren, dem Werk Vertrauen schenkt, ohne in wilden Aktionismus zu verfallen, allein dafür gehört ihm gebührendes Lob.

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Der Opernfreund, April 2010

VON MARTIN FREITAG

Premiere am 10.04.10, bes. Vorst. am 15.04.10

„Die Reise nach Reims“ ist immer noch einer von den Geheimtipps unter den Rossini-Opern, dabei ist die Nicht-Handlung um wartende Reisende, die zur Krönung von Charles X. nach Reims wollen, doch nicht vom Fleck kommen, nicht nur eine Europa-Oper par excellence, sondern wartet mit den teilweise schönsten Melodien des Meisters aus Pesaro auf, die er schließlich in einer neuen Fassung, „Le comte Ory“ als Komödie zu retten versuchte. Matthias Davids‘ Neuinszenierung an der Staatsoper Hannover geriet durch einen Zufall zu einer der aktuellsten Operninszenierungen, denn sie spielt heute auf einem herrlich farbig ausgestatteten, abwechslungsreichen Flughafenterminal, zum gleichen Zeitpunkt saßen viele Reisende durch den isländischen Vulkanausbruch auf den europäischen Flughäfen fest. Marina Hellmanns Bühne sah nicht nur klasse aus, sondern bot dem Spielleiter viele Möglichkeiten, die auch alle ge- und benutzt wurden. Davids ist vor allem durch seine gekonnten Musical und Operetteninszenierungen bekannt, erweist sich aber auch als wundervoller Opernregisseur, der weiß seine Personen sinnvoll und spannend zu bewegen, dem Publikum doch auch an den richtigen Stellen Zeit läßt, sich auf die Musik zu konzentrieren, dem Werk Vertrauen schenkt, ohne in wilden Aktionismus zu verfallen, allein dafür gehört ihm gebührendes Lob. Die Handlungsnichtigkeiten werden durch leicht surreale Geschehnisse konterkariert, die zu dem Werkgestus von Rossini-Opern bestens passen. Leo Kulas präsentiert die Handlungsträger in geschmackvoll charakterisierenden Kostümen. Auch die musikalische Leitung von Gregor Bühl steht unter einem guten Stern, mit dem sicheren Niedersächsischen Staatsorchester und dem spielfreudigem Chor gelingt ein herrlich trockenes Brio. Besonders die extrem schön ausgeloteten Ensembles sind penibel einstudiert worden und ein Musterbeispiel leisen  (was heute nicht so oft geschieht!) Musizierens

Indes leben und sterben Rossini-Opern mit den Sängern; in Hannover wird auf einem soliden, doch nicht perfekten Niveau gesungen, was mehr als ausreichend ist, denn alle Sänger sind auch begabte Darsteller. Dorothea Maria Marx singt die leuchtenden Bögen der Improvisationsartistin Corinna mit schöner Ziselierung als Netrebko-Star-Paraphrase. Julia Faylenbogens polnische Marchesa Melibea gefällt durch sinnliches Mezzo-Timbre. Hinako Yoshikawas Modetussi Contessa de Folleville besitzt Charme, lediglich in den schnellen Fiorituren gerät sie leichtes Schleudern. Der französische Cavalier Belfiore gerät Ivan Tursic mit leichtem Tenor zu einer reizenden , komödiantischen Studie. Sung-Keun Park versucht dem sehr weißen Timbre seines Tenors, was gut zu Rossini passt, eine leidenschaftliche Interpretation des liebenden Russen Libenskof zu geben. Tobias Schabel macht seine Sache als Lord Sidney hervorragend, obwohl er eigentlich keine Rossini-Stimme besitzt. Frank Schneiders Don Profondo gefällt mit üppigen Bassbariton und erheblichem Buffo-Temperament. Shavleg Armasi gelingt, den ausgleichenden Baron di Trombonok als liebenswerten, deutschen Exzentriker (Moshammer läßt grüßen) darzustellen. Jin-Ho Yoos spanischer Don Alvaro singt mit ausgeglichenem Bariton. Young Myoung Kwon, Anke Briegel, Mareike Morr, Sandra Fechner und Peter Michailov charakterisieren ihre gar nicht so kleinen Nebenpartien schauspielerisch ausgezeichnet und gesanglich auf gleichem gediegenem Niveau. Einzig Ania Vegry sticht aus dem Ensemble heraus, denn ihr glockenklarer Sopran singt Rossini klanglich doch noch eine Liga höher. Was den Abend jedoch wirklich ausmacht ist die großartige Ensembleleistung, in den teilweise fünfzehnstimmigen Finali. Ruth-Alice Marino an Harfe und Alexander Stein mit konzertierender Soloflöte gehören da ausdrücklich mit eingeschlossen. Ein amüsanter, belebender Abend, der das Hannoveraner Publikum mitriß und begeisterte.

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Der Opernfreund

Termine

08. April 2010, 18:30 Uhr
Staatsoper Hannover

10. April 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

15. April 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

17. April 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

20. April 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

24. April 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

30. April 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

07. Mai 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

09. Mai 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

02. Juni 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

23. Juni 2010, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover

19. Oktober 2011, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover und 5 weitere Vorstellungen bei der 1. Wiederaufnahme

29. November 2012, 19:30 Uhr
Staatsoper Hannover und 7 weitere Vorstellungen bei der 2. Wiederaufnahme